MdP – GEOPOLITISCHER REPORT #101: Türkei – Wiedermal der kranke Mann am Bospurus?

Der kranke Mann am Bospurus

Deutsche_Militärmission_Türkei_Kladderadatsch_Jg_67_H1_S20_4.1.1914_Gustav_Brandt Im 19. Jahrhundert wurde das einstmals mächtige Osmanische Reich durch innere Unruhen und außenpolitische Kalamitäten nachhaltig geschwächt. Dies führte dann schliesslich zu dem geographischen Zerfall in das heutige Restgebiet der Türkei. Deshalb sprach man damals in der europäischen Politik vom kranken Mann am Bospurus. Zar Niklaus I. hat diesen Begriff als Erster verwendet. 

Die Orientalische Frage wurde ein Dauerthema der europäischen Aussenpolitik. Russland sah die Chance, seinen Einfluss in Europa stärker geltend zu machen. Aber Österreich, Großbritannien und Frankreich befürchteten eine russische Expansion, zum Beispiel im Krimkrieg und tendierten daher dazu, ein schwaches Osmanisches Reich aufrechtzuerhalten. Sie waren der Meinung, das Osmanische Reich müsse trotz seiner gewaltigen Ausdehnung erhalten bleiben.

Außenpolitisch zum Spielball geworden, wurde das Osmanische Reich innenpolitisch ebenfalls geschwächt. Die europäischen Gebiete, die damals Rumelien genannt wurden, zerfielen durch die Abspaltung Serbiens und Griechenlands komplett.

Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich
Diese Beschreibung lässt sich nur allzu leicht in die heutige Situation übertragen. Man muss hierzu nur statt Österreich vielleicht eher die USA erwähnen und die Krim ergänzen um Syrien und den Irak. Aber die geopolitische Situation bzw. das Kräftemessen zwischen den Westmächten mit Russland in dieser Region ist mich Sicherheit grundsätzlich vergleichbar. Die Türkei droht erneut ein Spielball zu werden. Auch wenn mehrere zusätzliche Dimensionen, wie der Jihadismus, zu einem noch komplexeren Interessensgefüge geführt haben (siehe dazu auch den Post: Frenemies in Syria – It’s complicated).  Und abspalten bzw. Autonomie wollen heute nicht mehr die Serben und die Griechen sondern die Kurden. 

Amerikanische und westliche Türkeipolitik im globalen Kontext
Die amerikanische Aussenpolitik weiss, dass der wichtigste Kontinent auf dieser Erde die gewaltige, zusammenhängende Landmasse von Eurasien ist. Und die USA wollen auf dem globalen Schachbrett natürlich weiterhin die führende bzw. einzige wirkliche Weltmacht bleiben.

Und Russland möchte, nach dem Zerfall der Sowjetunion und Jahren der gefühlten nationalen Demütigung, wieder als regionale Großmacht wahrgenommen werden und seine historische Einflussphäre gerne wieder zurück gewinnen. Und deshalb kam es in Georgien und kommt es in der Ukraine und Syrien zu den Konflikten zwischen den klassischen Westmächten und Russland.

Die wichtigste Nation, die sowohl ans Schwarze Meer als auch an Syrien und den Irak grenzt ist nunmal die Türkei mit ihrer damit ungemein wichtigen geopolitischen Lage. Für uns im freien Westen ist es daher von höchster Priorität die Türkei als westliches Einflussgebiet zu erhalten. Quasi als einen landgewordenen Super Carrier. 

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Die strategische Aufgabenstellung die Türkei an Bord der westlichen Allianz zu halten und auch zu wollen ist in Zeiten von permanenten, aber historisch gesehen sehr kurzfristigen Provokationen durch den derzeitigen türkischen Präsidenten, nicht ganz einfach und nervlich sicherlich für alle Beteiligten sehr fordernd, zumal die öffentliche Meinung gerade in Europa sehr eindeutig ist.

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Fazit: 
Samuel Huntington hat in seinem geradezu seherischen Werk „Clash of Civilizations“ die Türkei als Torn Country (Zerrissenes Land) bezeichnet, d.h. als eine der ganz wenigen Nationen die sich selbst noch nicht entschieden haben zu welchem Kulturkreis sie gehören bzw. gehören wollen.

Diese Unentschiedenheit, innere Zerissenheit ja sogar Unsicherheit bezüglich seiner eigenen nationalen Identität ist die eigentliche Ursache für die Herausforderungen derer sich die internationale Aussenpolitik im Zusammenhang mit der Türkei gegenüber sieht. Die Türkeipolitik vieler Staaten, insbesondere auch Deutschlands, gleicht deshalb mehr einer Psychotherapie für die nationale türkische Psyche als harter Politik. Und vielleicht muss sie dies sogar. 

Autor: Michael Kraess, Gründer und Herausgeber von Maschinen der Politik (MdP)

Karikatur: Copyright gemeinfrei, Karikatur von Gustav Brandt (Januar 1914)
Karte: Copyright gemeinfrei

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